Eine Ostalgie-Fahrt

Diesmal gibt es getrennte Wochenenden. Der Grund ist eine äußerlich harmlos anmutende Mail – die Einladung zum Klassentreffen. Überschrift: Vor 50 Jahren wurden wir eingeschult und vor 40 Jahren endete die gemeinsame Schulzeit. Erste Reaktion meinerseits – Kann gar nicht sein, sooo lange ist das unmöglich her und wie alt muss ich da eigentlich schon sein?

Wer sich jetzt wundert, ich besuchte eine Polytechnische Oberschule in Radebeul. Und wer jetzt rechnet, weiß, dass ich meine Schulzeit in der ehemaligen DDR absolviert habe und da durchlebte, erduldete und erfreute man sich von der ersten bis zur zehnten Klasse gemeinsam am Unterricht. Jedenfalls betraf das die Mehrzahl der Schüler in der DDR. Doch das soll jetzt nicht das Thema sein.

Flugs wurde versucht eine günstige Bahnkarte zu ergattern und als das gelang, die Ferienwohnung gebucht. Außerdem wurde (erneut) das Programm – wir essen abends nur Salat – ins Leben gerufen. Schließlich hat man seine Klassenkameraden mehr als zehn Jahre nicht gesehen und frau will da schon einen guten Eindruck machen…

Radebeul ist nicht nur anlässlich von Klassentreffen eine Reise wert. Übernachtet habe ich in Kötschenbroda – dieses idyllische Kleinod sollte, so war damals der Plan, tatsächlich abgerissen werden. Glücklicherweise wurde daraus nichts (mehr) – es ist fantastisch, was aus den Häusern, die zumeist nur mit Plumpsklo und auch ansonsten ziemlich abbruchreif gewesen sind, alles geschaffen wurde. Kleine Geschäfte laden zum Bummeln ein, Tische und Stühle stehen auf den Bürgersteigen und in der Mitte des Rondells bereit und laden regelrecht dazu ein,  gemütlich den Tag in oder vor  einer der urigen kleinen Kneipen ausklingen zu lassen.

Hier kann man sich wirklich wohlfühlen und das war auch der Plan, als ich mir hier eine Ferienwohnung suchte, gemütlich abends vor der Tür zu sitzen und noch ein kleines Bier zu trinken…Ich hatte mir zur Unterhaltung mein Buch mitgenommen. Aber das brauchte es gar nicht. Leute gucken war spannend genug. Da kam beispielsweise eine Mama mit einem kleinem Mädchen und einem ziemlich großen Hund lang spaziert. Und was Hunde so halt unterwegs machen, wurde dann ordnungsgemäß und unter lautem Kommentar das Mädchens – hat der Hund aber fein gemacht – in eine Tüte verpackt. Und das Mädchen wollte diese Tüte auch gern tragen. Durfte es auch. Und verkündete allen, die da gemütlich bei Bier, Wein und Essen saßen, was für ein toller Hund das ist. Allerdings beging ein Pärchen den Fehler, sich mehr dafür zu interessieren, als gut war. Das Mädchen lief auf den Tisch des Pärchens zu, um den unmittelbaren Beweis anzutreten, was für einen tollen und feinen Hund es hatte: Die Leute begannen ihre Teller etwas in die Mitte des Tisches zu rücken, das Mädchen bereitete sich darauf vor, den Inhalt der Tüte vorzuführen, ich setzte erwartungsvoll meine Brille auf – ich sage euch – Mütter können solche Spielverderber sein! Das kleine Mädchen brachte dies lautstark zum Ausdruck, die anderen Beobachter wandten sich wieder still ihrem Essen oder ihrem Buch zu…

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Neben dem Karl -May- und dem DDR-Museum ist in Radebeul unbedingt ein Spaziergang durch die Weinberge zu empfehlen. Eine fantastische Aussicht erwartet einen. Zum Schluss  genießt man dann ein Glas Wein in einem der kleinen Straußenwirtschaften. Ich machte mich also auf den Weg und ging erstmal an dem Haus vorbei, wo ich meine Kindheit und Jugend  verbrachte. Damals wohnten zwei Familien darin. Wir sind inzwischen weggezogen, die andere Familie hat das Haus gekauft und ein kleines Schmuckstück daraus gemacht. Und wie es der Zufall so will, trafen wir uns vor dem Gartentor. Erst kurzes Stutzen, immerhin haben wir uns seit gut 30 Jahren nicht mehr gesehen, dann war die Wiedersehensfreude riesig. Ich wurde regelrecht ins Haus gezerrt und musste berichten, was machen die Kinder, wie geht es allen. War schon komisch, die alte Wohnung zu betreten – merkwürdig geschrumpft kam sie mir vor. Doch das Beste kam zum Schluss: Da wurde vor einiger Zeit ein gerahmtes Foto auf dem Dachboden entdeckt – es zeigt meine Oma mit meiner Mutter. Meine Mutter ist da ungefähr 5 Jahre alt, also ist dieses Foto über 80 Jahre alt. War da immer noch auf dem Dachboden und hat auf mich gewartet, um so wertvoller für mich heute, da meine Mutter bereits verstorben ist.  Fast kam ich mir vor wie in einem meiner Wohlfühlliegestuhlbüchern. Fest war man davon überzeugt, eines Tages käme jemand aus meiner Familie vorbei – und dann würde dieses Foto wieder in unseren Besitz gelangen. Ich könnte sie für ihren Optimismus jetzt immer noch drücken…

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